Gyde Jensen

Nach der US-Wahl: Gemeinsam westliche Werte stärken

In Washington waren Ladengeschäfte vor der Wahl verbarrikadiert wie vor einem Hurricane. Und wirkten damit wie ein Sinnbild der USA. Der Kulturkampf, den Präsident Trump während seiner Amtszeit massiv angeheizt hat, hat tiefe Wunden gerissen. Egal wer gewinnt, ich wünsche mir, dass das Land nach der Wahl etwas zur Ruhe kommt. Das wird nicht wie durch ein Wunder passieren, auch nicht, wenn Joe Biden neuer Präsident wird. Es erfordert ein Umdenken, eine Versöhnung zwischen zwei Parteien, zwischen Regionen, zwischen Bevölkerungsgruppen, zwischen Familien und zwischen Menschen, die mal Freunde waren. Egal wer die Wahl gewinnt: Auch unter einem neuen Präsidenten Biden wird der Fokus ein innenpolitischer sein. Aber ich bin mir sicher, dass die Stimme der USA auf internationaler Bühne wieder eine andere wäre: eine klare und dabei diplomatische, eine respektvolle und eine verlässliche.

Auch, weil ich aus voller Überzeugung Transatlantikerin bin, wünsche ich mir, dass wir die nächsten vier Jahre mit Joe Biden und seiner Vizepräsidentin Kamala Harris zusammenarbeiten werden. Unsere gemeinsamen westlichen Werte – Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, ein klares Bekenntnis zu universellen und unteilbaren Menschenrechten – sind weltweit massiv unter Beschuss. Die Bedrohung kommt von Staaten wie China, Russland und der Türkei, die mit zum Teil unverhohlen hegemonialem Anspruch das Recht des Stärkeren durchsetzen wollen. In einer Welt, in der zunehmend polternde Diktatoren das Wort an sich reißen und multilaterale Organisationen für ihre eigenen Interessen missbrauchen, brauchen wir eine starke transatlantische Allianz, die mit Argumenten und mit Rückgrat überzeugt. Für unsere Positionen in diesem geopolitischen Wertewettbewerb müssen wir gemeinsam werben. 

Ebenso wie die Wiederbelebung der transatlantischen Achse erhoffe ich mir unter Joe Biden eine Rückkehr der USA in unsere multilateralen Organisationen. Unter Trump galt die Devise: Kann er seine Pläne nicht eins zu eins durchsetzen, ziehen sich die USA zurück. Natürlich sind diese Institutionen nicht ohne Fehler, viele davon auch strukturell. Aber gerade deshalb müssen wir sie zusammen besser machen. Multilateralismus ist harte Arbeit, doch es lohnt sich, diese Arbeit zu investieren. Denn die großen Herausforderungen unserer Zeit – ob es nun eine Pandemie ist oder der Klimawandel – lösen wir als Weltgemeinschaft nur gemeinsam.

Dieser Gastbeitrag erschien zuerst am 4. November in der Eckernförder Zeitung.